Geschichte erleben

Stralsund, 30. Juni 2010

Um nicht nur auf der Schulbank zu sitzen und dem Seminarleiter zu lauschen, planten wir mit Jugendlichen vom Haus der Wirtschaft Stralsund eine Exkursion um das Thema des Nationalsozialismus näher und aktiv zu beleuchten sowie Hintergründe und Auswirkungen auf das Volk und die Politik zu erfahren. Da eignet sich besonders gut, die Hauptquartiere dieser Diktatur vor Ort sozusagen hautnah zu besuchen. Also fiel die Entscheidung auf Berlin für die Ausstellung und das Gelände „Topographie des Terrors“ im Stadtzentrum. Hier befanden sich von 1933 bis 1945 die wichtigsten Einrichtungen/Gebäude des nationalsozialistischen Verfolgungs- und Terrorapparates.

Aus drei Maßnahmen unseres Bildungszentrums (Erwerb des Hauptschulabschlusses, RefAm und Aktivierungshilfen) fanden sich interessierte Jugendliche zusammen. Zu den Vorbereitungen gehörten die Klärung der Finanzierung von Fahrkosten und die organisatorische Planung aller Vorhaben, wobei wir die eigenen Vorstellungen der Jugendlichen berücksichtigten. Für die Übernahme der notwendigen Reisekosten bedanken wir uns beim Verein zur Förderung der Kriminalprävention in  Stralsund e. V.. Rechtzeitig buchten wir eine Führung mit fachkundiger und pädagogischer Anleitung, was sich im Nachhinein als sehr positiv und wirkungsvoll heraus stellte. Und dass die Tour nicht nur ernste Themen beinhaltete, sonders auch als Erlebnis länger in Erinnerung blieb, stellten wir noch eine kleine Sightseeing-Tour zu nahe liegenden, wichtigen Gebäuden und Orten zusammen. Einige unserer Teilnehmer hatten Berlin noch nie gesehen oder sind nur durchgefahren.

Am Mittwoch, den 30. Juni, trafen wir uns alle am Bahnhof bei wunderschönem Wetter und mit ausgesprochen guter Laune. Die Lehrlinge unserer hauseigenen Kantine bereiteten uns liebevolle Lunchtüten für unterwegs  vor. Obwohl die Fahrt mit dem kühl temperierten Zug doch recht lang dauerte, lagen wir gut in der Zeit und kamen nach einem kleinen Fußweg entspannt auf dem Gelände an. Reste von Hausmauern waren schon bei den ersten Schritten zu erkennen. Durch die Ausstellung, die aus Modellen, Fotos, Zeitdokumenten und Videos bestand, führte uns eine fachkundige Frau. Sie verstand es, den jungen Leuten das Thema und seine Entwicklung verständlich und anschaulich nahe zu bringen, sie mit Fragen einzubeziehen und  durch Bildinterpretationen auf Details aufmerksam zu machen. Das beeindruckte sichtlich fast jeden in der Gruppe. Mit diesem Wissen begutachteten viele von uns in den Außenanlagen die Reste (wenn noch vorhanden) von Gebäuden, wie von der Geheimen Staatspolizei, der Reichsführung-SS und des Sicherheitsdienstes der SS sowie das Reichssicherheitshauptamt, in denen damals folgenreiche und menschenverachtende Entscheidungen getroffen wurden. Sehr empfehlenswert!

Ein Stück Berliner Mauer, die nach dem Krieg als „antifaschistischer Schutzwall“ diente, war dort auch zu sehen.

Beeindruckt und mit noch gedämpfter Stimmung begaben wir uns danach in das quirlende Stadtleben von Berlin. Zu Fuß ging es von der Stresemannstraße weiter zur Ebertstraße vorbei an dem Holocaust-Denkmal. Hier verweilten wir etwas und diskutierten über unsere persönlichen Eindrücke zu diesem umstrittenen Denkmal.

Wir umrundeten das Brandenburger Tor als das bekannteste Wahrzeichen Berlins. Die Symbolik der Teilung und Vereinigung Deutschlands konnten wir nur andeuten, hineinversetzen konnten sich die Jungendlichen wohl kaum. Richtig interessant wurde es am geschichtsträchtigen Reichstag, der auch in der Ausstellung erwähnt wurde, denn hier wimmelte es nur von Medien, Polizei und Staatskarossen. Es fand die Wahl des Bundespräsidenten statt. Und wir waren live dabei. Die zu der Zeit noch nicht endgültigen Ergebnisse wurden für die Bürger über eine Leinwand nach draußen übertragen.

Nun wurde die Zeit langsam knapp, so steuerten wir vorbei an den Bundestagspalästen zum architektonischen Meisterwerk des Hauptbahnhofs zu. Die Fahrt nach Hause verging wie im Fluge, die Gruppe hat sich gut gefunden und verstanden, es wurde im Ausstellungsheft geblättert, über Eindrücke geplaudert und die restlichen Vorräte geteilt.

Im September dieses Jahres wird darauf aufbauend eine öffentliche Ausstellung zur Euthanasie von Dr. Walraph mit einem regionalen Bezug im Haus der Wirtschaft Stralsundstattfinden. Hier werden diese Schüler aktiv bei den Vorbereitungen und der Durchführung mitwirken.